Eichen-Mischwälder

07. 02. 2018:

Die dynamischen Eigenschaften komplexer Systeme wie die der Waldökosysteme werden vor allem in den Prozessen sichtbar, die zu ihrer Entstehung führen. Diese Prozesse sind emergent und selbstorganisiert. Jeder emergente Prozess erzeugt aus Elementen, die untereinander Wechselwirkungen haben, Systeme mit höherer Komplexität. Emergente Prozesse sind meist dissipativ und autokatalytisch und deshalb nichtlinear. Ihr Ablauf ist durch das deterministische Chaos bestimmt.

Der Wald auf den Bildern ist seit über 60 Jahren nicht genutzt worden. In ihm werden zunehmend Prozesse erkennbar, die mit den geläufigen forstwirtschaftlichen Mustern nicht übereinstimmen. Wälder dieser Entwicklungsgeschichte werden deshalb zu wertvollsten Objekten der modernen Komplexitätsforschung, die eine umfassende Erweiterung der oft reduktionistisch überkommenen Ökosystemforschung ermöglicht.

Sie werfen aber auch die Frage nach der Ausrichtung forstwirtschaftlicher Forschung auf, wie sie offenbar nach dem Ergebnis der aktuellen Koalitionsverhandlungen größere finanzielle Unterstützungen erfahren soll, als bisher. Der Schlüsselbegriff ist dabei „Klimaauswirkungen“, dem sich, soweit augenscheinlich, immer noch in einer veralteten wissenschaftlichen Form des Reduktionismus genähert wird. Heute wird diese Wissenschaft zunehmend als nicht zielführend erkannt. Das daran festgehalten wird, hat vielschichtige Gründe, die zu analysieren und diskutieren sind.

Die Stürme der vergangenen Monate mit ihren jeweils deutlich unterschiedlichen Wirkungen in diesem Beispielbestand machen ein faszinierendes Fenster auf und scheinen die Beobachtungen sensibler Waldpraktiker zu bestätigen. Die Dynamik in Buchen-Eichen-Wäldern ist vielfach eine andere, als heute immer noch in standardisierter Form an den Fakultäten gelehrt wird, wie uns Studenten berichten.

Forstwissenschaftler wie Stefan Korpel jedoch werden in den bahnbrechenden Hypothesen ihrer Urwaldforschung bestätigt.

Karl-Friedrich Weber

Fotos: Karl-Friedrich Weber

Kronenbruch und vereinzelter Baumwurf aus mehreren Sturmereignissen (im Laub vom Oktober/November) in einem 154jährigen Buchen-Eichen-Hainbuchen-Mischbestand. Das Alter wurde von der Forsteinrichtung fortgeschrieben und muss nicht stimmen. Wahrscheinlich ist der Bestand wesentlich älter. Die Buchen befindet sich in der Zerfallsphase, die Stieleiche erhält neuen Kronenraum und zeigt keine Alterungserscheinungen auf. Das entspricht der Dynamik, die KORPEL aus den Karpaten beschreibt.

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Diese angeblich 154jährige Buche in dem zuvor beschriebenen Buchen-Eichen-Hainbuchen-Mischbestand ist aus Stockausschlag entstanden. Sie zeigt die ursprüngliche Mittelwaldnutzung an, die vor ca. 140 Jahren allmählich in Hochwaldbewirtschaftung überging. Der Stock, aus dem der Austrieb erfolgte, dürfte 60 bis 100 Jahre, vielleicht noch älter sein.

Damit wird klar, dass das organische Alter des Baumes 250 Jahre und älter sein kann. Das ist der Zeitraum, in dem die durch natürliche Störungen verstärkte Zerfallsphase beginnt, die in ungleichaltrigen Naturwäldern jedoch keine flächenhafte Signifikanz zeigt, sondern mosaikartig-kleinflächig oder einzelbaumweise in Erscheinung tritt.

Foto: Karl-Friedrich Weber

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Die „pflegende“ Jagd auf die „wuchsüberlegene“ Buche in Eichen-Buchen-Mischbeständen wird immer noch von vielen Forstleuten mit großem Eifer betrieben. Die Dienstjahre zur Schaffung eigener Erfahrungen haben nur wenige erreicht. So wird tradiert, was andere mit ebenfalls unzureichender Erfahrung irgendwann zum nicht mehr hinterfragten fachlichen Grundwissen erklären.

In dem zuvor beschriebenen Buchen-Eichen-Mischbestand, der seit über 60 Jahren weder genutzt, noch „gepflegt“ wurde gibt es im Gegensatz zu den intensiv bewirtschafteten Eichen-Hainbuchenwäldern des braunschweiger Raumes nahezu keine Absterberaten der Stieleiche.

In einer Vielzahl von Fällen hat sich die Eiche im Kronenraum vital behaupten können. Auch im Falle geringen Kronenvolumens zeigen die jahrzehntelangen Beobachtungen in diesem Bestand, dass bei voller Belaubung, wenn überhaupt, nur ein unbedeutender Blattfraß durch die sog. Fraßgemeinschaft erfolgt ist.

Da in diesem alten Wäldern die Wurzelkonkurrenz gegenüber der Lichtkonkurrenz überwiegt, weisen diese schmalkronigen Eichen offenbar ein physiologisch günstiges Wurzel-Spross-Verhältnis auf.

Die beiden Orkane der letzten Monate haben ein Störungssystem vor allem durch Kronenbruch der Buche geschaffen, das der nahezu ungeschädigt gebliebenen Eiche nach über 150jähriger Lebenszeit die Kronenfreiheit verschafft, die ihrem natürlichen Zyklus entspricht.

Karl-Friedrich Weber

Fotos: Karl-Friedrich Weber
Auf den Fotos sind die schmalen Eichenkronen zu erkennen, die durch Kronenbruch der umgebenen Buchen freigestellt, aber selbst von Sturmeinwirkungen nicht betroffen sind.

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Die Buchenwaldgesellschaften würden keinesfalls „dunkel“ sein, wie das künstliche Alterklassenwälder im jüngeren bis mittlerem Alter (sog. Optimalphase) sind, bevor sie dann wieder durch starke Nutzung lichter werden. Buchennaturwälder sind kleinflächig-mosaikartig strukturiert, wobei sich auf größeren Störungsflächen durch Wetterereignisse oder im Zerfallsstadium der Buche ab ca. 250 Jahren die Verjüngung von Lichtbaumarten wie der Eiche erfolgen kann. Das wären keine flächigen Eichenwälder, wie die naturfernen Eichen-Hainbuchenwälder, die überwiegend durch Pflanzung begründet sind. Der Forstwissenschaftler Stefan Korpel kommt zu dem Ergebnis, dass die Eiche in Buchen-Eichenmischwäldern nicht ausstirbt, weil stets einige Exemplare durch die unterschiedlichen Entwicklungszyklen beider Baumarten die notwendige Strahlungsmenge zur Keimung und während ihrer Jugendphase bekommen.

 

Ein "Lotse" durch den Info-Dschungel zur Wald-Problematik in Deutschland