Eichen-Mischwälder

02. 03. 2018:

Die Eiche stirbt nicht aus …

Noch ein Bild zum Thema Eiche, wie es jeder in seinem Umfeld beobachten kann, wo sich neuer Wald von selbst einfindet. Die Sukzession läuft ab über die leichtfrüchtigen Pionierbaumarten wie Weide, Birke, Aspe – hin und wieder auch Kiefer. Sie werden vom Wind verfrachtet.

Dann folgen die schwerfrüchtigen Baumarten, die von Tieren wie Eichelhäher oder Eichhörnchen eingetragen werden. Neben Beerenfrüchten wie Eberesche ist die Eiche fast stets dabei. Sie hat meist einen guten Vorsprung vor der Buche, die sich erstaunlicherweise selbst dann einstellt, wenn Samenbäume Kilometer entfernt sind.

Foto: Karl-Friedrich Weber

Eichenverjüngung 2-3-2018
Unsere Wälder sind sehr jung. Viele Laubwälder befinden sich dauerhaft in einer Phase, die Optimalphase genannt wird. Sie ist relativ dunkel und strukturarm, wird in natürlichen Waldzyklen jedoch kleinflächig von Zerfalls- und Verjüngungsphasen abgelöst, die sehr viel lichter gestellt sind. In diesen langen Zyklen gibt es selbst in Buchenwäldern Ereignisse, die in der Folge das Keimen und Aufwachsen von Eichen ermöglichen. In alten Kiefernwäldern werden Sie die Eiche regelmäßig als zweite Baumschicht antreffen, ohne dass sie gepflanzt wurde.

Auf diese Sachverhalte und Zusammenhänge zu kommen, fällt auch Förstern wie mir schwer, sonst sähen unsere Wälder ein wenig anders aus. Deshalb müssen wir von anderen lernen, die für uns bereits geforscht und nachgedacht haben. Das bedeutet lesen, lesen, lesen, zuhören und beobachten – dabei aber auch denken. Das ist eigentlich auch nicht so schwer.

Facebook-Nutzer E.Z.:  Ich kann das nur bestätigen. Ich hatte das Glück einen kleinen Wald seit mehr als fünfzig Jahren beobachten zu können. In diesem Zeitraum gab es keine nennenswerte Eingriffe des Menschen. Ursprünglich eine reiner Kiefernwald, starben in den frühen 90igern 2/3 der Kiefern und machten Platz für Eiche, Eibe, einzelnen Buchen, Ilex, Hasel. Ein hübscher kleiner Urwald ist entstanden.

01. 03. 2018 :

In einem Moorwald der Stiftung Naturlandschaft haben die Winterstürme Störungen geschaffen. Moorbirken waren hauptsächlich betroffen, aber auch einzelne Stieleichen. Andere Eichen sind stehengeblieben und werden in Zukunft keimfähige Eicheln abwerfen, die durch die Lichtverhältnisse gute Chancen haben. Sie sind in dem Trümmerwurf gut geschützt vor dem Verbiss des Rehwildes.
Die Eiche findet im Laufe ihrer jahrhunderlangen Lebensdauer und häufigen Fruktifizierung selbst in den Zerfallphasen oder unvorhersehbaren Störungen von Buchenwäldern Bedingungen für den Nachwuchs. Sie stirbt deshalb auch in Buchennaturwäldern nicht aus, wie der Urwaldforscher Stefan Korpel belegen konnte.

Foto: Karl-Friedrich Weber

umgestürzte Eiche Moorwald a 2-3-2018

umgestürzte Eiche Moorwald b 2-3-2018
Störungen in Naturwäldern zum Beispiel durch Sturmereignisse sind keine Schädigungen. Die Unterbrechungen des gleichmäßigen Prozesses der Zunahme von Komplexität wird in unvorhersehbarer und ungerichteter Weise unterbrochen, wobei die Grundeigenschaften des Systems beibehalten werden (Resilienz).

umgestürzte Eiche Moorwald c 2-3-2018


07. 02. 2018:

Die dynamischen Eigenschaften komplexer Systeme wie die der Waldökosysteme werden vor allem in den Prozessen sichtbar, die zu ihrer Entstehung führen. Diese Prozesse sind emergent und selbstorganisiert. Jeder emergente Prozess erzeugt aus Elementen, die untereinander Wechselwirkungen haben, Systeme mit höherer Komplexität. Emergente Prozesse sind meist dissipativ und autokatalytisch und deshalb nichtlinear. Ihr Ablauf ist durch das deterministische Chaos bestimmt.

Der Wald auf den Bildern ist seit über 60 Jahren nicht genutzt worden. In ihm werden zunehmend Prozesse erkennbar, die mit den geläufigen forstwirtschaftlichen Mustern nicht übereinstimmen. Wälder dieser Entwicklungsgeschichte werden deshalb zu wertvollsten Objekten der modernen Komplexitätsforschung, die eine umfassende Erweiterung der oft reduktionistisch überkommenen Ökosystemforschung ermöglicht.

Sie werfen aber auch die Frage nach der Ausrichtung forstwirtschaftlicher Forschung auf, wie sie offenbar nach dem Ergebnis der aktuellen Koalitionsverhandlungen größere finanzielle Unterstützungen erfahren soll, als bisher. Der Schlüsselbegriff ist dabei „Klimaauswirkungen“, dem sich, soweit augenscheinlich, immer noch in einer veralteten wissenschaftlichen Form des Reduktionismus genähert wird. Heute wird diese Wissenschaft zunehmend als nicht zielführend erkannt. Das daran festgehalten wird, hat vielschichtige Gründe, die zu analysieren und diskutieren sind.

Die Stürme der vergangenen Monate mit ihren jeweils deutlich unterschiedlichen Wirkungen in diesem Beispielbestand machen ein faszinierendes Fenster auf und scheinen die Beobachtungen sensibler Waldpraktiker zu bestätigen. Die Dynamik in Buchen-Eichen-Wäldern ist vielfach eine andere, als heute immer noch in standardisierter Form an den Fakultäten gelehrt wird, wie uns Studenten berichten.

Forstwissenschaftler wie Stefan Korpel jedoch werden in den bahnbrechenden Hypothesen ihrer Urwaldforschung bestätigt.

Karl-Friedrich Weber

Fotos: Karl-Friedrich Weber

Kronenbruch und vereinzelter Baumwurf aus mehreren Sturmereignissen (im Laub vom Oktober/November) in einem 154jährigen Buchen-Eichen-Hainbuchen-Mischbestand. Das Alter wurde von der Forsteinrichtung fortgeschrieben und muss nicht stimmen. Wahrscheinlich ist der Bestand wesentlich älter. Die Buchen befindet sich in der Zerfallsphase, die Stieleiche erhält neuen Kronenraum und zeigt keine Alterungserscheinungen auf. Das entspricht der Dynamik, die KORPEL aus den Karpaten beschreibt.

154jähring ungenutzt Eiche-Buche-Hainbuchenbestand 7-2-2018 a

154jähring ungenutzt Eiche-Buche-Hainbuchenbestand 7-2-2018 b

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Diese angeblich 154jährige Buche in dem zuvor beschriebenen Buchen-Eichen-Hainbuchen-Mischbestand ist aus Stockausschlag entstanden. Sie zeigt die ursprüngliche Mittelwaldnutzung an, die vor ca. 140 Jahren allmählich in Hochwaldbewirtschaftung überging. Der Stock, aus dem der Austrieb erfolgte, dürfte 60 bis 100 Jahre, vielleicht noch älter sein.

Damit wird klar, dass das organische Alter des Baumes 250 Jahre und älter sein kann. Das ist der Zeitraum, in dem die durch natürliche Störungen verstärkte Zerfallsphase beginnt, die in ungleichaltrigen Naturwäldern jedoch keine flächenhafte Signifikanz zeigt, sondern mosaikartig-kleinflächig oder einzelbaumweise in Erscheinung tritt.

Foto: Karl-Friedrich Weber

Stockausschlag-Buche 154jähriger Bestand 7-2-2018 - 27625443_1430526020407548_144880959127150313_o

Die „pflegende“ Jagd auf die „wuchsüberlegene“ Buche in Eichen-Buchen-Mischbeständen wird immer noch von vielen Forstleuten mit großem Eifer betrieben. Die Dienstjahre zur Schaffung eigener Erfahrungen haben nur wenige erreicht. So wird tradiert, was andere mit ebenfalls unzureichender Erfahrung irgendwann zum nicht mehr hinterfragten fachlichen Grundwissen erklären.

In dem zuvor beschriebenen Buchen-Eichen-Mischbestand, der seit über 60 Jahren weder genutzt, noch „gepflegt“ wurde gibt es im Gegensatz zu den intensiv bewirtschafteten Eichen-Hainbuchenwäldern des braunschweiger Raumes nahezu keine Absterberaten der Stieleiche.

In einer Vielzahl von Fällen hat sich die Eiche im Kronenraum vital behaupten können. Auch im Falle geringen Kronenvolumens zeigen die jahrzehntelangen Beobachtungen in diesem Bestand, dass bei voller Belaubung, wenn überhaupt, nur ein unbedeutender Blattfraß durch die sog. Fraßgemeinschaft erfolgt ist.

Da in diesem alten Wäldern die Wurzelkonkurrenz gegenüber der Lichtkonkurrenz überwiegt, weisen diese schmalkronigen Eichen offenbar ein physiologisch günstiges Wurzel-Spross-Verhältnis auf.

Die beiden Orkane der letzten Monate haben ein Störungssystem vor allem durch Kronenbruch der Buche geschaffen, das der nahezu ungeschädigt gebliebenen Eiche nach über 150jähriger Lebenszeit die Kronenfreiheit verschafft, die ihrem natürlichen Zyklus entspricht.

Karl-Friedrich Weber

Fotos: Karl-Friedrich Weber
Auf den Fotos sind die schmalen Eichenkronen zu erkennen, die durch Kronenbruch der umgebenen Buchen freigestellt, aber selbst von Sturmeinwirkungen nicht betroffen sind.

154jähring ungenutzt Eiche-Buche-Hainbuchenbestand 7-2-2018 e

154jähring ungenutzt Eiche-Buche-Hainbuchenbestand 7-2-2018 f

Die Buchenwaldgesellschaften würden keinesfalls „dunkel“ sein, wie das künstliche Alterklassenwälder im jüngeren bis mittlerem Alter (sog. Optimalphase) sind, bevor sie dann wieder durch starke Nutzung lichter werden. Buchennaturwälder sind kleinflächig-mosaikartig strukturiert, wobei sich auf größeren Störungsflächen durch Wetterereignisse oder im Zerfallsstadium der Buche ab ca. 250 Jahren die Verjüngung von Lichtbaumarten wie der Eiche erfolgen kann. Das wären keine flächigen Eichenwälder, wie die naturfernen Eichen-Hainbuchenwälder, die überwiegend durch Pflanzung begründet sind. Der Forstwissenschaftler Stefan Korpel kommt zu dem Ergebnis, dass die Eiche in Buchen-Eichenmischwäldern nicht ausstirbt, weil stets einige Exemplare durch die unterschiedlichen Entwicklungszyklen beider Baumarten die notwendige Strahlungsmenge zur Keimung und während ihrer Jugendphase bekommen.

 

Ein "Lotse" durch den Info-Dschungel zur Wald-Problematik in Deutschland