Forstlobby

[ Hintergrund: In Deutschland sind die Forst- und Holz-Interessengruppen sehr stark und gut untereinander vernetzt. Sie wehren sich vehement gegen eine Umsetzung der Nationalen Biodiversitätsstrategie, also gegen mehr nutzungsfreie Wälder, auch wenn sie sich in öffentlicher Hand befinden. Auch die Ausweisung von neuen Nationalparken wird stets nach Kräften torpediert, die Bevölkerung vor Ort entsprechend beeinflusst und gelenkt. Und es wird verhindert, dass „ordnungsgemäße Forstwirtschaft“  und „gute fachliche Praxis“ definiert wird! D.h. es fehlt der Maßstab, um Missstände klar erkennen und benennen zu können! usw usf… ]


11.07.2017 :

Auf ein Wort

Die Redaktionspause von Waldwahrheit war nicht gleich zu setzen mit einer Sommerpause. Was auf einem Drittel der Fläche Deutschlands zugelassen, geschaffen, gestaltet, gebraucht, missbraucht und zerstört wird, lässt niemanden los, der Wald atmet.

Was daran positiv zu sehen sei, bleibt für sich genommen zunächst zweifelhaft und muss begründet werden im Hinblick auf ein Ziel. Dieses Ziel definiert nicht die Natur, sondern die Gesellschaft. Natur setzt sich keine Ziele. Sie ist selbstgesteuert. Dass sie uns braucht, ist Anmaßung.

Wald an sich braucht prinzipiell auch keine Förster. Förster brauchen wir im Hinblick auf etwas, das wir selbst wollen. Soviel Ehrlichkeit sollte sein. Ziele müssen allgemeingültig formuliert werden. Jeder muss sie verstehen können. Die Forstwirtschaft hat kein klar und allgemeinverständlich definierten Ziel. Das ist beschämend und im Grund eine Katastrophe für den Wald.
In dem Prozess einer „ökologischen Weiterentwicklung“ des Langfristigen Ökologischen Waldentwicklungsprogramms in Niedersachsen (LÖWE) hat eine handverlesene Expertengruppe des grünen Landwirtschaftsministers es in 9 Sitzungen nicht vermocht, eine Definition für „Naturnahe Waldentwicklung“ zu finden. Naturnähe ist seit 1991 als Ziel dieses Regierungsprogramms benannt. Die Begründung war, dass die gut ausgebildeten Mitarbeiter ohnehin alle wüssten, was damit gemeint sei.

Müssen Bürger dieses Possenspiel hinnehmen, das ein Regierungsprogramm zum Wortgeklingel macht, aus Unvermögen oder bewusst? Nimmt die Niedersächsische Landesregierung dieses Possenspiel hin? Warten wir es ab. Wir kommen noch darauf zurück.

Wald atmen kann auch Verengung des Blickwinkels bedeuten. Das wäre gefährlich. Das ist gefährlich. Mit Verengung des Blickwinkels wird gegenwärtig Forstpolitik geschrieben, die unter dem vermeintlichen Schutz einer phrasenhaften Nachhaltigkeitsrhetorik im Wald erneuernd, umbauend, gestaltend, pflegend, klimafestigend, klimaschützend, nachsorgend, vorsorgend, langfristig, nettowertschöpfend, rohstoffsichernd, sozioökonomisch wirkt und was sonst noch so alles macht.

Je stärker die Bemühungen sind, eigenes Handeln und Unterlassen gegenüber einer Öffentlichkeit durch bombastisches Wortgeklingel zu begründen oder zu verschleiern, desto größer wird das Unbehagen derjenigen, die nach den Aussagen eines leitenden Forstmannes ohnehin keine Ahnung haben.

Man muss die interessengeprägten Worte des Präsidenten der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände und Waldlobbyisten Philipp Franz Freiherr von und zu Guttenberg nicht ernst nehmen, wohl aber die Haltung von Bediensteten des Staates. Sie genießen besondere Fürsorge und stehen dafür in der Loyalitätspflicht gegenüber den Bürgern, von denen sie alimentiert werden.

Zu dieser Loyalitätspflicht gehören Faktenwahrheit und Redlichkeit in deren Interpretation, auch wenn sie immer und unausweichlich subjektiv gefärbt sein wird. Dazu gehört aber auch, dass sie die Datenlage öffentlicher Wälder offen legen und die Öffenltichkeit in die Lage versetzen, diese auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Sich hinter Betriebsgeheimissen zu verschanzen, wenn es um das Alter oder Holzvorräte einzelner Bestände geht, ist nicht nur lächerlich, sondern amtspflichtenverletztend. Fachminister, die im Rahmen ihrer Rechtsaufsicht dieses Verhalten dulden, machen sich zu Handlangern – oder schlimmer – Komplizen nachgeordneter Führungskader.

Schade, dass der Begriff der Fake-News (lancierte bzw. veröffentlichte „vorgetäuschte Nachrichten“) zwar gut auf den Punkt bringt, mit was Waldinformation zunehmend zu tun hat, in der „Trump-Ära“ jedoch zu einem politischen Schlagwort mutiert ist.

Zur Faktenwahrheit und Redlichkeit der Interpretation gehört die Defizitanlayse. Sie zeigt auf, worüber wir nichts wissen. Wald ist ein Medium, über das wir besonders wenig wissen. Wer diesem Satz reflexhaft widersprechen möchte, nehme sich die Zeit, darüber nachzudenken und erst dann eine Meinung zu haben. Über Fehler offen zu sprechen, ist Stärke und nicht Schwäche.

Wer glaubt zu wissen, muss keine Ahnung entwickeln. Er bleibt beschränkt in seinem Horizont. Menschen, die nicht fachkundig sind, aber Intuition und Gespür aus dem Unterbewusstsein ihrer irgendwo abgespeicherten Lebenserfahrung entwickeln, haben eine Ahnung. Sie muss nicht, kann aber der Fachkundigkeit haushoch überlegen sein.

Waldwahrheit will zu diesem bedeutsamen Erkenntnisfeld seinen bescheidenen Beitrag leisten – nicht mehr und nicht weniger. Keinesfalls weniger. Deshalb freuen wir uns auf den künftigen Diskurs.

Karl-Friedrich Weber


19. 04. 2017 :

„Wir sind nicht die einzigen Fachleute, die etwas von der Natur verstehen. Zu diesem Dialog über unsere Arbeit muss man bereit sein. Auch bereit, dass Dritte einem in den Betrieb und in die Bücher gucken.“

Hut ab, Helmut Seitel, so kann es gehen.

Von dieser Bereitschaft sind die Landesforstanstalten in der Regel meilenweit entfernt. Selbst die sogenannten Naturaldaten über die Waldbestände wie Baumartenzusammensetzung, Alter, Holzvorräte, Nutzungsmengen etc. werden als Betriebsgeheimnis behandelt. Solange diese Haltung anhält, steht im Raum, dass etwas zu verbergen sei.

[ Kommentar zu einem Artikel über den Leiter des Forstamts Dieburg, Echo online, 18.04.2017 ]

http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt-dieburg/dieburg/helmut-seitel-der-leiter-des-forstamts-dieburg-oeko-pionier-in-hessen-ueber-artenvielfalt-und-profit-im-wald_17825723.htm


19. 04. 2017 :

„Es wäre ein politischer Kompromiss, der fast nur Sieger kennt: Die Landesregierung könnte jetzt schon die Planerfüllung vermelden. „ThüringenForst“ dürfte die Buchenwälder des Possen weiter nutzen – und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt könnte bis 2050 einen Teil ihrer Flächenbetreuung über den Holzverkauf finanzieren.“

Dreister kann man die Mogelpackung nicht schnüren. Die „Umweltexperten“ Tilo Kummer (Linke) und Dagmar Becker (SPD) sollten noch einmal gründllich darüber nachdenken, was sie hier an großartiger Denkarbeit leisten.

Die Wälder der Bundesstiftung Umwelt in Deutschland sind zu großen Teilen weit von einer Naturnähe entfernt und benötigen Zeiträume für eine relative Naturnähe, die Jahrhunderte dauern kann. Urwälder werden es in historischen Zeitdimensionen nicht. Das Verhalten dieser Stiftung wird auch an anderen Orten als undurchschaubar und widersprüchlich erkannt. Holzeinschlag für die Finanzierung des Personals im nationalen Naturerbe und Jagd auf die böse Fichte?

Selbst wenn Thüringen mit dieser dubiosen Schönrechnerei auf 5% käme, wäre das nur die Hälfte der Waldflächen, die andere Bundesländer gemäß der internationalen Verpflichtungen Deutschlands und den Empfehlungen der Bundesregierung nutzungsfrei stellen.

Die Behauptung des Sprechers Horst Sprossmann der „Thüringen Forst“, wonach die zusätzliche „Aufgabe“ von 4.000 Hektar Waldfläche für „ThüringenForst“ einen Wertverlust in Höhe von fast 30 Millionen Euro bedeute und jährliche Ertragsminderungen in Höhe von fast einer Million Euro hinzukämen, gehört zur allgemeinen klischeehaften Argumentation der Landesforstanstalten der Länder. Und solange der Wertholzanteil in den letzten mitteleuropäischen Buchenurwäldern teilweise ein Mehrfaches dessen beträgt, was im ordnungsgemäß bewirtschafteten deutschen Altersklassenwald erreicht wird, sollte einmal mehr über die Verwendung der Begriffe und ihrer Inhalte nachgedacht werden.

Was bedeutet der Begriff „bedeute“? Wo und wie entsteht ein Wertverlust, wenn Holz nicht genutzt wird, sondern in den oftmals unterbevorrateten Wäldern verbleibt und weiter zuwächst?

Was sind eigentlich Werte für Thüringen Forst? In welcher Relation befindet sich eine Ertragsminderung in Höhe von jährlich einer Million gemessen am Volumen des Landeshaushaltes? Welcher Zugewinn an Wertschöpfung wäre in einer ehrlichen Bilanzierung dagegen zu rechnen?

Durch eine derartige Haltung macht nicht nur ThüringenForst deutlich, wie sie die Gleichrangigkeit und Gleichwertigkeit von Nutz-, Schutz- und Sozialfunktionen am öffentlichen Wald versteht. In derartigen Konfliktlagen, wie die um den Possen, wird so manches offen gelegt und damit für die Öffentlichkeit erkennbar. Das ist gut so.

Karl-Friedrich Weber

[ Kommentar zum Artikel „Die Axt im Urwald: Streit um die Stilllegung von Wäldern“, MDR  Thüringen, 18.04.2017. S. auch folgenden Post vom 11.04.2017 ]

http://www.mdr.de/thueringen/nord-thueringen/holzeinschlag-naturschutz-flaechen-thueringen-100.html

11. 04. 2017 :

Kommentar

Der Landesvorsitzende „des Landesverbandes Deutscher Forstleute“, Andreas Schiene, schrieb in einem Brief an die Ministerin: „Mit ihren Äußerungen haben Sie einen ganzen Berufszweig geschmäht und alle Beschäftigten der Thüringer Forstverwaltung vorsätzlich in Misskredit gebracht.“

Mieser geht es nicht, falls Vorsatz mitspielt, und dümmer auch nicht, falls der Überblick fehlt. Adreas Schiene ist möglicherweise nur ein subalterner Mitläufer. Wir wollen das nicht beurteilen.

Die Lobby jedoch dreht auf, verlogen und kaltschnäuzig. Sie scheint sich in Thüringen sicher zu fühlen.
Falls die seit Wochen ätzenden Angriffen ausgesetzte Umweltministerin richtig zitiert wurde, hat sie nicht von Förstern gesprochen, sondern von einer Kahlschlaglobby. Was hat der forstliche Berufstand, was der Förster damit zu tun, der im Revier seinen Dienst tut?

Da gibt es Schlimmeres. Der in einem politischen Diskurs benutzte Begriff ist nicht annähernd so zu gewichten, wie die ständige Rhetorik der „kalten Enteignung“ derer, die damit die Verfassung unseres Rechtsstaates diskreditieren und in Frage stellen.

Der forstliche Berufstand wird durch deren vermeintliche Wortführer in eine schmutzige Kampagne hineingezogen, den die Betriebsleitung einer Anstalt des Landes gegen die zielkonformen Absichten der Bundesrepublik Deutschland betreibt.

Auf diese beispiellose Amtspflichten verletzende Illoyalität haben wir bereits mehrfach hingewiesen.
Eine grüne Umweltministerin, die Ziele der schwarz-roten Koalition umsetzen will, wird von der CDU Thüringens nicht unterstützt, sondern bekämpft. Politik kann von bösartiger Unmoralität sein.

Dabei erfüllt Thüringen mit seiner Absicht, den Possen holznutzungsfrei zu stellen, gerade einmal ein 5%-, nicht etwa ein 10%-Ziel, wie das die Bundesregierung für den öffentlichen Wald fordert, um die internationalen Verpflichtungen Deutschlands zu erfüllen, und das von anderen Bundesländern bereits umgesetzt wird.

Nichts ist so absurd, als dass es nicht zur Stimmungsmache beitragen könnte. Ein verringerter Holzeinschlag, dessen wahre Gründe nicht genannt werden, wird als Drohkulisse aufgebaut: Bald wird der Normalbürger kein Schlafzimmer aus Holz kaufen können, weil die grünen Ideologen und andere dunkle Mächte, darunter auch forstliche Vaterlandsverräter, die Wälder zum „Stillstand“ bringen wollen.

Gegen die Destruktivität dieser Kampagne sollte der forstliche Berufstand aufstehen, zumal deren berufsständische Funktionäre versagen.

Jede Forstfrau und jeder Forstmann, die ihren Dienst am Wald leidenschaftlich in dienst-treuer Weise ausüben, sollten sagen: mit mir nicht.

Damit wäre der Reputation meines Berufsstandes, auf den ich stolz bin, gegenüber der Gesellschaft unseres Landes ein großer Dienst erwiesen.

Karl-Friedrich Weber

[ Kommentar zur Meldung „Förster fordern Rücktritt von Thüringens Umweltministerin“, MDR Thüringen 10.04.2017. Hintergrund ist die geplante Herausnahme aus der forstlichen Nutzung des Possen-Walds in Thüringen, wie im Koalitionsvertrag eindeutig beschlossen ]

http://www.mdr.de/thueringen/umweltministerium-siegesmund-foerster-baumkahlschlagslobby-100.html


18. 12. 2015 :

Die deutsche Forstlobby arbeitet weitgehend im Verborgenen und fällt daher nur hin und wieder durch ihre polemischen Pressemitteilungen ins Auge. Wer sich hinter den verschiedenen Akteuren verbirgt, wie die Zuordnung in internationale Netzwerke geschieht und wie zumindest partiell ahnungslose Fachminister von ihren eigenen Beamten hinter die bekannte Fichte geführt werden, ist von unterschätzter Bedeutung und wird von Waldwahrheit im Verlauf des kommenden Jahres offengelegt werden.

[= Karl-Friedrich Weber anlässlich des „Offenen Briefs“ der Umweltverbände an die  deutsche Forstlobby]

https://blogs.nabu.de/naturschaetze-retten/offener-brief/


18. 12. 2015 :

Die gezielte Einflussnahme der Forstnutzerlobby auf Kommunalpolitiker der Kommunen war seit Monaten erkennbar … jede Kommune, die Waldeigentum hat und vor klammen Kassen steht, ist disponiert … zu jedem Wald gehört ein forstlicher Berater und die „beraten“ – von wenigen positiven Ausnahmen abgesehen – gut gesteuert mit einer nahezu einheitlichen Dialektik.

Das Ergebnis ist ein Horrorgemälde, das so zusammengefasst wird:

„In einer so dicht besiedelten Kulturlandschaft wie Deutschland schaffen Totalreservate gravierende Probleme, weil nach europäischen Standards in den Kernzonen der Tourismus, Forst-, Land-, Weidewirtschaft, Jagd und Brennholzsammeln generell verboten sind und permanente Infrastruktur wie Gebäude und Straßen entfernt werden müssen“, so der Vorsitzende des Gemeinsamen Forstausschusses „Deutscher Kommunalwald“, Verbandsdirektor Winfried Manns (Mainz).

Wer da noch die Fäden spinnt, wird schnell erkennbar werden. Es wird Zeit, dass Roß und Reiter genannt werden.

Die Funktionäre des Deutschen Städte- und Gemeindebundes lassen sich einmal mehr vor den Karren gut organisierter und vernetzter Interessengruppen spannen und stellen sich damit gegen die große Mehrheit der Bürger ihrer Gemeinden, die in Umfragen immer wieder bestätigen, dass sie sich mehr holznutzungsfreie Waldanteile wünschen, ohne damit eine forstwirtschaftliche Nutzung insgesamt in Frage zu stellen. Sie sind reifer und differenzierter in ihrer Bewertung, als ihre vermeintlichen Interessenvertreter. Das ist ein Trauerspiel.

Karl-Friedrich Weber

[Dieser Kommentar gehört zur Pressemitteilung „Kommunalwald kontra Wildnis“ des Deutschen Städte- und Gemeindebunds vom 23.11.2015]

http://www.dstgb.de/dstgb/Homepage/Aktuelles/2015/PM%20Kommunalwald%20Kontra%20Wildnis/

Ein "Lotse" durch den Info-Dschungel zur Wald-Problematik in Deutschland