Eremit-Gedanken

10. 10. 2012 :

Der Eremit

Eine kleine Bildergeschichte

[ Vom Seitenbetreiber leicht gekürzt ]
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Bild 1 :

Der Eremit (Osmoderma eremita) ist ein Bewohner des Holzmulls uralter Bäume. Weil sich sein kleiner Lebensraum in Urwäldern nur langsam verändert, muss er nicht besonders mobil sein. Verschwinden die Uraltbäume, stirbt er vor Ort aus, wenn er keinen neuen Lebensraum in der Nähe findet.

In unseren heutigen Wäldern sind das nur noch Überlebensinseln, weit vertreut und zumeist voneinander isoliert.

Ein Zufall, dass er noch vorhanden ist, kein Verdienst und schon gar nicht eine Folge von irgendwelchen Programmen der letzten Jahre, wie dem langfristigen ökologischen Waldentwicklungsprogramm, das 1992 von der damaligen rot-grünen Landesregierung beschlossen wurde und das von den Landesforsten im Rahmen ihrer Dienstpflichten verbindlich und vorbildhaft umzusetzen ist.

Trotzdem schön, wenn man daraus in Kooperation mit einem großen Naturschutzverband noch einmal ein schlosumrahmtes Medienereignis zelebrieren kann.
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Wie man den Eremiten und seine Wohnung schützen kann, soll die kleine Bilderserie beispielhaft aufzeigen:

Da finden wir im FFH-Gebiet 102 – Beienroder Holz – das Relikt der ehemals großflächigen Hudewälder. Vielhundertjährige Eichen sind Zeugen einer vergangenen Nutzungsgeschichte. Als ich meinen Forstdienst 1961 im Forstamt Lehre begann, führte mich der damalige Forstamtsleiter voller Stolz an diesen geheimnisvollen Ort. Vom Eremiten wusste er natürlich nichts. Er war eben da, und das ist wichtiger, als das Wissen darüber, das er da ist.

Die wenige Hektar große Fläche liegt am Rande von etwa einhundert Hektar Eichenalthölzer, Wälder, die im Vergleich mit den Urahnen und mit ihrem Alter von ca. 170 Jahren junge Springer sind. Es sind die heutigen Kernflächen des Lebensraumtyps Stermieren-Eichen-Hainbuchenwald, dessen günstiger Erhaltungszustand sich nicht verschlechtern darf oder wiederhergestellt werden muss – auch als langfristige Anschlusslebensraum für den Eremit-Käfer. Was dieser Wald in der Zeit nach Ausweisung als FFH-Gebiet so alles erleben kann, ist eine andere Geschichte.

Foto: Karl-Friedrich Weber Kampstüh-Eichen 2002

Eremitwald a 10-10-12


Bild 2 :

Was macht man, wenn man dem Eremit-Käfer gutes tun will? Käfer lieben Wärme, so heißt es. Und wenn schon Wärme, dann richtig und vor allem plötzlich. Hat der kleine Kern viele Jahrzehnte im Halbschatten leben müssen und es trotzdem heil überstanden, gilt es jetzt, Luft zu machen.

Natürlich muss Holz auch genutzt werden, wegen des Klimas zum Beispiel und weil die Brennholzleute im Glauben an gute Taten und einen günstigen Zustand im Geldbeutel einem die Bude einrennen. Also: Aufarbeitung der gefällten Bäume und lieber keine Totholzanreicherung. Das hat auch den Vorteil, dass man die Abfuhr des Holzes besonders dicht an den Stämmen der Veteranen vornehmen und durch Verdichtung auch deren Wurzeln mehr Halt geben kann.

Foto: Karl-Friedrich Weber 16. April 2006

Eremit Fällungen 10-10-12


Bild 3 :

Nach dem heißesten Sommer des Jahrhunderts im Jahr 2003, war der deutsche Wald gestresst. Deshalb haben die Niedersächsichen Landesforsten womöglich im Jahr 2004 Eichen geschlagen, deren Menge den Gesamtzuwachs im gleichen Jahr deutlich überstieg.

Gesamtzuwachs heißt, auch der Zuwachs der jungen und noch nicht nutzbaren Eichenbestände ist inbegriffen. Forstleute, die Eichenwirtschaft leben, wissen, dass sich Käfer und Falter der sogenannten Eichenfraßgemeinschaft freuen, wenn es plötzlich wärmer oder trockener wird im Eichenwald, so auch der Zweipunktige Eichenprachtkäfer (Agrilus biguttatus). Der fand den Umfang der Holzeinschläge in den alten Eichenwäldern besonders gut und brachte den einen oder anderen durch seinen Fraß zwischen Baum und Borke zum Absterben – wobei der forstliche Schreckensruf vom Eichensterben durch Klimaveränderung eine neue Runde machte.

Und was macht Agrilus biguttatus, wenn er alte Hudeeichen findet, die im neugewonnenen Licht stehen? Er fliegt sie an. Nach vielleicht 800 Lebensjahren, darf es auch einmal für eine alte Eiche genug sein.

Aber da ist noch die Mulmstelle am Stammfuß – die Wohnung des Eremit-Käfers. Nicht so schlimm, er wird sich wohl noch eine Weile halten können.

Foto: Karl-Friedrich Weber 01.04.2009

Eremit Mulmhöhlenbaum 10-10-12


Bild 4 :

Die alte Hudeeiche ist bereits so gut wie tot im Sommer 2009. Aber um sie herum tobt das pralle Leben, angeregt durch das viele Licht macht der Wald, was er von Natur ausmacht, wenn man in lässt: Er wächst, und zwar herrlich vital. Natürlich sind zunächst auch Brombeeren im Spiel, die als Störunganzeiger gelten, in diesem Fall aber die Mulmhöhle des Eremit-Käfern so schnell wie möglich überwachsen. Dazu Brennesseln usw.. Im Jahr 2012 ist das Sanierungswerk vollendet. Damit dieser Prozess ohne Wildverbiss ablaufen kann, wird die Eremit-Wohnung noch eingezäunt – anders, als zur Zeit seiner Vorfahren, als das Vieh der Bauern sein Refugium freifraß.

Inzwischen ist dort ein Revierleiter, der Waldbau kann, sofern er noch etwas machen oder unterlassen kann, was dem Eremit nützt. Der sucht sich vielleicht eine andere Wohnung – wenn er kann.

Foto: Karl-Friedrich Weber Mai 2009

Eremit Huteeiche 10-10-12


Bild 5 :

Mit der Wohnungssuche für den Eremitkäfer ist das wohl schwieriger. Vor allem, wenn konsequent darauf geachtet wird, dass in den benachbarten Kernflächen des FFH-Gebietes durch ein Netz von Kahlschlägen an strategisch günstigen Stellen und die konsequente Herausnahme von stehendem Habitattothholz die Entstehung neuer Mulmstadien verhindert wird. Vielleicht ist es aber nur ein Fitnes-Programm für den Eremit – das Überlebens- und Fortpflanzungsrecht für den Stärksten.

Foto: Karl-Friedrich Weber 17.06.2012

Eremit Baumstumpf 10-10-12


Bild 6 und Schluss :

Mit diesem Bild möchte ich meine kleine Bildergeschichte vorerst beenden. (…)

Das Totholz aus den benachbarten Beständen der kleinen Eremitsiedlung im Hudewald des Beienroder Holzes kommt einem guten Zweck zugute. Es dient als CO2-Zwischenspeicher, vielleicht in Form eines Parketts oder gar einer Treppe und rettet somit die Lebensvielfalt unserer Wälder und der Welt. Der Forstminister freut sich, wenn er dem Finanzminister freudige Mitteilung machen kann. Der Präsident der Landesforsten freut sich auch, weil seine monetären Wachstumsraten stimmen. Wer sich da nicht freute, wäre einfach ein Miesmacher. Und das sollte nicht sein.

Foto: Karl-Friedrich Weber 08.04.2012

Eremit gef Eichen Straßenrand 10-9-12



 

 

 

Ein "Lotse" durch den Info-Dschungel zur Wald-Problematik in Deutschland